US-Präsident Roosevelt
nannte ihn einmal „Hauptmann Mutig“ und der Oberbefehlshaber der deutschen
Luftwaffe war bereit „zwei komplette Staffeln zu opfern, nur um ihn endlich
vom Himmel zu holen“.
1920 als Sohn italienischer
Einwanderer in Ohio geboren, fühlte sich Gentile bereits in jungen
Jahren so sehr zur Fliegerei hingezogen, dass er ohne das Wissen seiner
dagegen eingestellten Eltern in einen privaten Fliegerklub eintrat und
seine Mutter erst einweihte, als die Endprüfung bereits bestanden
war.
Und auch als ihn die USAAF aus Platzgründen nicht in ihr Ausbildungsprogramm
aufnahm, ließ sich „Don“ nicht entmutigen und trat 1941 einfach in
die kanadische Luftwaffe ein. Nach beendeter Ausbildung als Pilot Officer
nach England versetzt, flog Gentile hier als Spitfirepilot in der No. 133
„Eagle“ Squadron (zur Gänze aus freiwilligen Amerikanern der RCAF
gebildet) erste Kampfeinsätze über Westeuropa. Einer von Gentiles
damaligen Staffelkameraden war niemand geringerer als sein späterer
Gruppenkommandeur Donald Blakeslee.
Pilot Officer Gentile
ging indes schon bald in die Staffel-Geschichte ein, als er während
seines ersten Luftkampfes gleich einen Luftsiege errang und für den
tapferen Angriff auf einen deutschen Bomberpulk über Dieppe mit dem
britischen Distinguished Flying Cross ausgezeichnet wurde. Schon bald gelang
dem Neuankömmling auch ein zweiter Abschuss. Nach dreimonatiger Einsatzzeit
in der RCAF wurden Gentile und die meisten seiner Kameraden 1942 aufgrund
ihrer Nationalität in die nun ebenfalls in England stationierte 8th
US Air Force versetzt und in die amerikanische Luftwaffe übernommen.
Nun 2nd Lieutenant und Rottenführer in der 336th Fighter Squadron
der 4th Fighter Group, flog Gentile 1943 etwa 50 Einsätze im Rahmen
der Bombereskorte über Westeuropa, ehe ein erneuter Karriereschub
folgte. Denn als die 4th Fighter Group im März 1944 mit den neuen,
wendigen und schwer bewaffneten P-51 Mustang ausgerüstet wurde, gab
man Gentile eine Waffe in die Hand, die nur wenige so perfekt hand zu haben
wissen sollten, wie er.
Nachdem er seine Maschine mit dem exotischen Schriftzug „Shangri-La“
verziert hatte, ging es in den Begleitschutzeinsatz für schwere Bomber
über Deutschland. Mit Zusatztanks ausgerüstet und so zu Einsätzen
bis tief in deutsches Rüstungsgebiet fähig, flog Gentile, nun
bereits Captain, unter dem Kommando des inzwischen zum Colonel aufgestiegenen
„Don“ Blakeslee pausenlose Einsätze. Bereits während einem seiner
ersten Luftkämpfe mit der neuen „Shangri-La“ unterlagen Gentile zwei
deutsche Jagdmaschinen und als der Captain schließlich Flügelmann
von Major John Godfrey wurde, war das gefürchtetste Team der USAAF
geschaffen.
Denn in nur fünf gemeinsamen Luftkämpfen von Godfrey und
Gentile erzielten die beiden zusammen nicht nur unglaubliche 25 Luftsiege
über deutsche Jäger, sondern kreierten auch eine Taktik, die
bis heute in vielen Luftstreitkräften der Welt Anwendung findet. Denn
im Gegensatz zur bisherigen Form des Zusammenarbeitens zwischen Rottenführer
und Flügelmann übernahm automatisch derjenige Pilot die Angriffsführung,
der den Feind als erster entdeckte. Unabhängig vom Rang flog also
Major Godfrey auch oft Deckung für Gentile. Und dieser bewies seine
große Klasse als Flieger, Angreifer und Schütze. Am 8. März
erzielte er unglaubliche sechs anerkannte Abschüsse, am 27. März
zwei weitere, nur zwei Tage später erneut drei. Als während eines
Tiefangriffes gegen ein deutsches Flugfeld am 5. April fünf Messerschmitt-Jäger
am Boden in Flammen aufgingen und wenige Tage später drei Fw-190 innerhalb
von zehn Minuten getroffen zu Boden rasten, fand ein bis dahin nur seltener
Siegeszug seinen Höhepunkt. Neben dem Distinguished Service Cross
durch General Eisenhower und einer der seltenen Presidental Unit Citations
trug Gentile inzwischen zwei Silver Stars, vier Air Medals, acht Distinguished
Flying Cross und eine Distinguished Unit Citation der 4th Fighter Group.
Die verbündeten Franzosen hatten sich mit einem Croix de Guerre angeschlossen.
In Deutschland tobte Reichsmarschall Göring und prägte für
Godfrey-Gentile den Ausdruck „Debden-Gangster“ (nach dem Stützpunkt
der Gruppe) und Präsident Roosevelt zeigte sich von der Tapferkeit
der beiden sehr beeindruckt und nannte Captain Gentile in einem Interview
wie eingangs erwähnt einmal „Hauptmann Mutig“. Diesen Spitznamen untermauerte
Gentile u.a. am 5. April 1944, als während seiner Tiefangriffe auf
einen deutschen Flugplatz in Steudal gleich vier abgestellte Ju 88 Nachtjäger
in Flammen aufgingen, obwohl die deutsche Flak ziemlich wilde Gegenwehr
leistete. Trotz der großen Erfolge fand Captain Gentiles Karriere
ein ungewöhnliches Ende. Als Mitte April 1944 nach 350 Feindflugstunden
die Einsatzzeit des erfolgreichen Jagdfliegers zu Ende ging, fanden sich
viele Reporter sowie Generäle der 8th Air Force in Debden ein, um
Gentile nach der Landung von seinem letzten Einsatz zu beglückwünschen.
Danach sollte er in die Staaten rückversetzt werden, jedoch später
für eine erneute Einsatztour nach England zurückkehren können.
Doch es kam anders.
Denn der 23jährige Gentile, vielleicht etwas übermütig
durch die vielen Ehrungen und die Publicity, vergaß einen Augenblick
die strengen Regeln der 4th Fighter Group, vollführte vor den staunenden
Gästen eine waghalsige Tiefflugrolle und flog seine Maschine zu Bruch.
Obwohl unverletzt, brach nun die härteste Standpauke seines Lebens
über ihn herein, denn Colonel Blakeslee, selbst ein gefeierter Kriegsheld,
hielt von solchen übermütigen Selbstmörder-Stunts nicht
viel und versetzte Gentile auf Dauer in die Staaten zurück. Gentile
flog keine Kampfeinsätze mehr. Ausgezeichnet mit einem zweiten DSC,
belegte „Don“ Gentile mit 21 anerkannten und 5 unbestätigten Siegen
in nur 11 erfolgreichen Luftkämpfen den achten Rang unter den US-Fliegerassen
in Europa.
1945 zusammen mit dem hierbei tragisch verunglückten Top-Ass „Dick“
Bong (40) Testpilot für die neue P-80 Shooting Star, verließ
Gentile 1946/47 kurzzeitig die USAF, wurde jedoch schließlich erneut
Testpilot und Ausbilder an der Air Tactical School. In dieser Eigenschaft
kam er am 28. Januar 1951 beim Absturz eines T-33-Jettrainers ums Leben
und wurde postum zum Major befördert. 1962 erhielt eine Radar-Abwehrstation
der USAF in Ohio den Namen des großen Fliegerhelden.
Quelle: „Yak, Mustang und Spitfire“
von Florian Berger, fliegerasse.at